Matteo und der Zauberer

Kurzgeschichte von Maja Roedenbeck

„Vorne und hinten fängst du an zu stinken!“, Matteo hat sonst kein Taktgefühl und auch kein Ohr für Melodien, aber diesen elfsilbigen Sprechgesang kann er sich merken, den kann er vortragen, lauthals und ohne Scheu, und tut’s heute zum geschätzten dreihundertfünfundachtzigsten Mal. Tut’s, während er den L-förmigen Flur vor den Spielzimmern der Kita Albert-Einstein-Straße auf- und abrennt, sechs Kinder immer dicht hinter ihm. Sie sind fürs Echo zuständig, kreischen „Vorne und hinten fängst du an zu stinken!“ in sechs verschiedenen Variationen. Und als sie diesmal mit ausgestreckten Armen gegen die rot lackierte, mit Karnevalsmasken beklebte Eingangstür der Abteilung prallen und eben im Begriff sind zu wenden, um den Flur in die Gegenrichtung hinunter zu toben, sehen sie durch das Glasfenster in der oberen Türhälfte Matteos Mutter kommen. Mit einer roten Nase. Und roten Augen. Und geschwollenen Lippen. Und nassen Wangen. Sie schnaufen und sie prusten noch, aber sie stehen still und schauen gespannt auf die zierliche Frau, ihre wippenden, straßenköterblonden Locken und ihr verheultes Gesicht.

„Was hast du?“, fragt Mara.

„Warum weinst du?“, fragt Luise.

„Weil Matteos Papa dich gehauen hat?“, fragt Selina.

Und Matteo sagt bloß vorwurfsvoll: „Mama!“ und dann, versuchsweise: „Vorne und hinten fängst du an zu stinken!“ Doch das Echo bleibt aus.

„Sag mal! Warum weinst du!“, drängt Mara.

„Bist du krank?“, fragt Selina.

„Das geht euch nichts an“, klagt Matteos Mutter derart schmerzerfüllt, dass die Mädchen zurückzucken und Matteo sein vorwurfsvolles „Mama!“ wiederholen muss. Bevor er losläuft, erst einfach nur weg, dann hakenschlagend Richtung Waschraum, weil er um alles in der Welt verhindern will, was als nächstes kommt, nämlich dass er mit seiner heulenden Mutter nach Hause gehen muss. Wo heute sicher nicht viel passieren wird, tut es nie an solchen Tagen. Dann lassen sie Handball ausfallen und essen bloß Gewürzgurken und Toast mit Ketchup zu Abend und wenn Gianni, der Nachbarsjunge, klopft, machen sie auch nicht auf.

Matteo weiß, was los ist, ohne dass es ihm einer sagen muss: Der Zauberer ist weg.

„Matteo, bleib hier!“, fleht seine Mutter, „wir gehen!“ Erfolglos, ist ihr der Junge doch längst abhanden gekommen, und sie steht immer noch bei der rot lackierten Eingangstür mit den Karnevalsmasken, umringt von einer neugierigen Kinderschar. Die sie mit wedelnden Händen zu vertreiben versucht wie das blumenschwere Parfüm jeden Morgen im Fahrstuhl, aber halbherziger, denn irgendwo tut die Aufmerksamkeit ja auch ganz gut. Wenn sie ehrlich wäre, wenigstens sich selbst gegenüber, müsste sie zugeben, dass sie ihre Tränen absichtlich nicht abgewischt hat, bevor sie eintrat.

„Ich bin traurig, weil mein Freund mich nicht mehr haben will“, sagt sie dann doch zu Mara.

„Matteos Papa?“, fragt Luise.

„Nein“, sagt Matteos Mutter erbarmungslos, „Matteos Papa ist tot.“ Und die Kinder halten erschreckt die Luft an, obwohl sie es vielleicht schon wussten, alle stellen sich ihre Papas vor. Wie er am Computer sitzt und Autoraser spielt, wie er sich Stullen mit Fleischwurst belegt, wie er abends zum Einschlafen singt:

„Von den blauen Bergen kommen wir,

unser Lehrer ist genauso doof wie wir,

mit der braunen Lederjacke

sieht er aus wie’n Haufen Kacke,

von den blauen Bergen kommen wir.“

Matteo hockt im Waschraum auf einem der drei Kinderklos, langsam aber sicher in einem Alter, in dem es ihn stört, dass er die Kabinentüren nicht abschließen kann und dass durch den Zwischenraum zwischen Boden und Türunterkante ein Kind hindurch passt, wenn es ihn ärgern will. Was oft genug passiert. Matteo kennt seinen Papa nicht. Kennen tut er, und darauf ist er höllestolz, nur den Dönermann, der seinen Namen weiß und immer, wenn Matteo mit seiner Mutter am Imbiss vorbeikommt, aus der Verkaufsluke ruft:

 „He Matteo! Alles klar?“

So laut, dass die Passanten in fünfzig Metern Umkreis es hören müssen.

Matteo kannte auch ein paar Männer, die er nicht kennen wollte, einer war furchteinflößend groß, viel zu groß für seine Mutter, die von hinten fast noch wie ein Schulmädchen wirkt. An die anderen kann er sich gar nicht mehr so richtig erinnern, weil dann der Zauberer kam. Der Zauberer gefällt Matteo, obwohl er ihm nie einen Trick verrät, eigentlich auch nie einen vorführt, er führt immer nur Matteos Mutter Tricks vor, zieht ihr mit sicherem Griff die Herzdame aus dem verdeckten Kartenstapel, schnippst Röschen für sie herbei, und Matteo steht auf Zehenspitzen in der offenen Kinderzimmertür und versucht, von weitem etwas zu sehen.

Der Zauberer, der nebenberuflich zaubert, zum Beispiel auf der Weihnachtsfeier in dem Büro, in dem Matteos Mutter arbeitet, ist noch nicht sehr lange erwachsen. Auch das gefällt Matteo. Und dass er lange Haare hat. Der einzige Mann, der sonst lange Haare hat, ist der Hausmeister aus der Kita Albert-Einstein-Straße, aber der war noch nie bei ihnen zu Hause. Und Matteo selbst bekommt seine Haare immer abrasiert, stoppelkurz.

„Damit du keine Läuse kriegst“, sagt seine Mutter.

„Mama, darf ich lange Haare haben?“, bettelt Matteo, seit er den Zauberer kennt.

„Jungs mit langen Haaren sehen bescheuert aus“, sagt seine Mutter. Nur bei dem Zauberer scheint sie das nicht zu stören. Wie auch die Tatsache, dass er Matteo manchmal in den Arm kneift und ihm mit starrem Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen ein „Verschwinde, Bürschchen!“ zu verstehen gibt.

Dann reibt sich Matteo den Arm, zieht sich in sein Zimmer zurück und schließt leise die Tür hinter sich. Schiebt den Pulli hoch, guckt nach, ob der Kniff ein Mahnmal hinterlassen hat, aber die rote Stelle verblasst schon. Demnach denkt Matteo, dass der Zauberer ihn wahrscheinlich nur hat tätscheln wollen, und dass er vielleicht von Natur aus streng guckt, weil: Gesagt hat er ja nichts Böses und Matteos Mutter hat auch nichts gemerkt.

Der Zauberer muss unter allen Umständen toll zu finden sein. Sodass Matteo was zu erzählen hat, den Erzieherinnen, den anderen Kindern:

„Justus! Gestern hat der Zauberer zwei Euro aus meinem Ohr geholt und ich durfte sie behalten und in meine Spardose stecken!“

„Boa, echt?“, staunt Justus und Matteo vergisst, dass er geschwindelt hat, so schwer ist das gar nicht, und er sagt: „Justus! Und bald nimmt mich der Zauberer mit in seinen Zirkus und lässt einen weißen Tiger verschwinden!“

„Kann ich mal mit zu euch kommen?“, fragt Justus, aber Matteo sagt: „Nein, kannst du nicht.“ Den Zauberer, den will er schön für sich behalten.

Es macht keinen Sinn, noch länger auf dem Klo hocken zu bleiben, denn alle Würstchen und Pupse, alles Pipi und was sonst noch kommen könnte, ist schon drinnen. Matteo faltet und benutzt etliche Blätter Klopapier, benetzt seine Fingerkuppen mit Spucke und fährt damit über die Kabinenwände, bevor er sich dazu durchringen kann, von der Schüssel zu steigen. Nun weiß er nicht so recht, wohin mit sich. In den Flur zurück geht nicht, weil seine Mutter ja da steht und heult, aber im Waschraum ist auch kein Entkommen. Oder doch, vielleicht in den Handtuchschrank? Ist der offen? Ja, ist er, und es ist nicht ungruselig da drinnen, dunkel natürlich und eng, aber es riecht gut, nach einem anderen Waschmittel als das, welches Matteos Mutter benutzt. Man kann es einatmen und sich dabei vorstellen, man wäre in einem Zuhause, wo ein Papa vor dem Fernseher sitzt, der wie eine Mischung aus dem Dönermann und dem Hausmeister von der Kita Albert-Einstein-Straße aussieht, und wo die Mama, während sie sich in der Dusche die Haarfarbe herauswäscht, singt: „Vorne und hinten fängst du an zu stinken!“ Matteo gluckst. Und hält sich schnell die Hand vor den Mund, denn es soll ihn ja niemand finden. Und dann seufzt er hinter vorgehaltener Hand.

Ungefähr eine Viertelstunde hat Matteos Mutter gewartet, weil sie ja jetzt auch Mitleid erfährt, wenigstens vonseiten der Mädchen, denn die haben ihre Mütter alle schon weinen sehen. „Bin ich verschmiert?“, hat Matteos Mutter schließlich Mara gefragt.

„Wo?“, hat Mara gesagt.

„Na, an den Augen!“, hat Matteos Mutter gemeckert, und Mara hat „Nein!“ gesagt und Selina hat „Ja!“ gesagt. Und Matteos Mutter hat sich die Augen mit einem Taschentuch noch ein bisschen mehr verschmiert, und dann ist eine Erzieherin gekommen, die Simone heißt, und hat gerufen: „Luise! Mara! Selina! Was macht ihr denn da hinten, kommt jetzt Obst essen!“ Zu Matteos Mutter hat sie „Guten Tag!“ gesagt und nichts weiter gemerkt. Matteos Mutter ist dann also alleine im Flur gewesen und hat angefangen, Matteo zu suchen und „Matteo!“ zu rufen.

„Matteo ist weg!“, ruft Matteos Mutter, indem sie die Tür zum Gruppenraum aufreißt, wo die Kinder vor ihren Obsttellern sitzen.

„Was ist los?“, fragt die Erzieherin, die Simone heißt, und guckt grimmig, weil sie vor Schreck Früchtetee verschüttet hat und die Kinder kichern.

„Vorne und hinten fängst du an zu stinken!“, reimt Justus flüsternd, und die Kinder kichern noch doller.

„Matteo ist weg!“, ruft Matteos Mutter, und die Erzieherin, die Simone heißt, sagt: „Der kann doch nicht weg sein.“

„Ist er aber!“, ruft Matteos Mutter, und zur Sicherheit noch mal: „Matteo ist weg!“

Die Erzieherin, die Simone heißt, muss jetzt etwas in die Wege leiten, auch wenn sie lieber in Ruhe den Nachmittagssnack mit den Kindern hinter sich bringen würde, weil sie danach Feierabend machen kann. Für die Spätkinder ist dann nur noch eine Betreuerin abgestellt, die heißt Iris und ist gerade eine rauchen. Die Kinder sind eh schon alle aufgesprungen und schreien: „Matteeeeehooooo! Matteo, wo biiiiiist duuuuuh! und wühlen in Kostüm- und Legokisten, die viel zu klein sind, als dass sich ein Kind darin verstecken könnte, und laufen auf den Flur und reißen alle Spinde auf, und die Erzieherin, die Simone heißt, bekommt eine beginnende Atemnot, weil hier in Nullkommanix alles aus dem Ruder läuft und sie das wieder in Ordnung bringen muss, bevor sie Feierabend machen kann.

Zweiundvierzig Kinder quirlen und wogen und explodieren durch die Spielzimmer und den Gruppenraum und den L-förmigen Flur, das Chaos ist allumfassend. Sie lachen und genießen die Aufregung und rufen und schubsen sich und manchmal kreischt eins ganz besonders laut und die Erzieherin, die Simone heißt, denkt: „Mein Gott, endlich, sie haben ihn, es ist vorbei!“, aber das ist es die ersten vier, fünf Male noch nicht. Matteo hört die Meute näher kommen, hört sie einen Namen schreien, der seiner ist, und den er trotzdem für den Moment nicht mit sich in Verbindung bringt. Und er lauscht, ob er die Stimme seiner Mutter hört, oder ihre Tränen, aber da ist nichts dergleichen. Dann sind sie im Waschraum, die zweiundvierzig Kinder, und stoßen die Klotüren auf, dass sie gegen die Kabinenwände knallen und drehen die Wasserhähne auf, als bestünde die Möglichkeit, dass Matteo mit dem Strahl aus den Rohren geschwemmt wird. Drehen sie wieder zu, weil sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Drehen den Schlüssel vom Handtuchschrank um, der im Schloss steckt, und den schmalen Schlitz, durch den eben noch Licht gefallen ist, gibt es auf einmal nicht mehr. Matteo bleibt das Herz stehen.

„He!“, schreit er wie von Sinnen, „Justus!“, schreit er und wummert von innen gegen die Tür des Handtuchschranks, „He! Aufmachen!“ Und ja, er ist in den vergangenen Monaten ausreichend von dem kneifenden Zauberer gedemütigt worden, um Aggressionen entwickelt zu haben, die er jetzt rauslassen kann. So wird aus dem Wummern ein Bollern und aus dem Bollern ein drohendes Trommeln, und jetzt hören sie ihn, die zweiundvierzig Kinder, und kriegen es mit der Angst zu tun, obwohl sie wissen, dass es Matteo sein muss, der da im Schrank steckt. Sie trauen sich trotzdem nicht, den Schlüssel wieder umzudrehen, sondern laufen allesamt zu Matteos Mutter und der Erzieherin, die Simone heißt, in den Gruppenraum zurück und japsen mit ihren vielen hohen Stimmchen: „Handtuchschrank!“, „Handtuchschrank!“, „Handtuchschrank!“

Für eine Sekunde ist Matteo froh, als die Erzieherin, die Simone heißt, die Schranktür aufschließt und er mit zusammengekniffenen Augen herauskullern kann, seiner Mutter vor die Füße. Doch als er aufblickt und sie ansieht, weiß er: Es hat alles nichts gebracht. Die Wahrheit macht sich breit: Der Zauberer ist weg. Die Mutter heult immer noch oder schon wieder. Und Matteo muss mit ihr nach Hause gehen.

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