Melancholie eines Kindes

 

„Was hast du, bist du traurig?“, fragte sie das Kind,
„weil es regnet, da draußen, wo doch jetzt Ferien sind?“
Es nickte nicht, es schluckte nicht, es starrte an die Wand,
weil es keinen anderen, keinen stärkeren Gegner fand.

„Du kannst es mir sagen, hast dich noch nie so benommen!“
Sie drängte es, zerrte an ihm, spürte die Ungeduld kommen.
Doch das Kind blieb stumm, ließ nur die Augäpfel gehen
auf der Tapete umher, um hinter die Maserung zu sehen.

„Was soll das?“, schrie sie, riss ihm sein Stofftier aus dem Schoß,
„ich will dir doch helfen, aber ich muss jetzt wirklich los!“
Dann stampfte sie auf, aus ihren Augen flogen Tränen,
das Kind hob den Blick – und musste erstmal gähnen.

„Mama“, sprach es leise, „weißt du, die Welt?
Weißt du, was mir am besten daran gefällt?
Dass so viele runde Dinge darin sind:
die Tropfen, die Perlen, die Münzen und der Wind!“

Maja Roedenbeck

Advertisements

Wielander im Keller und auf dem Dach – Kurzgeschichte

wielander_im_keller_und_auf_dem_dach

Hier gibt’s mehr Kurzgeschichten von Maja Roedenbeck

von Maja Roedenbeck

Wusch, wusch, wusch fegen Wielanders Filzpantoffeln über die Steinstufen, als er hastig die zwei halben Treppen in den ersten Stock hochsteigt. Behängt mit einem offen umher schwingenden, graubraun karierten Morgenmantel, unter dem er nichts als ein Set Feinrippunterwäsche trägt, will Wielander nur mal kurz nach seinem Obermieter Hoffmeier sehen. Denn obwohl er sich bis vor wenigen Minuten ebenso köstlich wie lautstark über ein furzendes Kleinkind in „Upps! Die Superpannenshow“ amüsiert hat, ist ihm ein ungewöhnliches Poltern aus Richtung der Zimmerdecke nicht entgangen. Etwas äußerst Schweres muss im Hoffmeier’schen Zweiraumappartement zu Boden gegangen sein. Sicher, die meisten Menschen würden erst mal abwarten, was weiter passiert, um die Angelegenheit dann zu vergessen oder unter Umständen sogar später nachzusehen, aber wie leicht kann später zu spät sein. Wielander ist einer, der erhebt sich in solchen Fällen selbst aus der behaglichsten aller Lebenslagen und Weiterlesen